[ Fehntjer Kurier ]

Geschichten aus dem Overledingerland

Liebevoll gesammelt und aufs getreulichste nacherzählt von Michael Till Heinze


Fehntjer Kurier vom 16.11.1989

Rettungsboot zerschellte an der Bordwand
Trotz hoher Brandung: Mutiges Manöver gelang

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Rettungsboot zerschellte an der Bordwand
Trotz hoher Brandung: Mutiges Manöver gelang

Heringslogger sind längst verschrottet

Der Hering ist ein Fisch wie jedermann weiß. Die Eigenart dieses Flossentieres ist es, daß es nicht allein sein kann. In gewaltigen Schwärmen schwimmen die Heringe durch die Nordsee. Diese Eigenart nutzten die Fischer aus. Mit riesigen Netzen fuhren sie hinaus und fingen den delikaten Fisch.

Der Hering war so billig, daß er zum "Brot der armen Leute" wurde. Noch heute hat das Gericht "Hering mit Pellkartoffeln" einen bitteren Nebengeschmack. Aus diesem Grund wurde aus dem "Hering" ein "Matjes"' für den der Käufer entsprechendes Geld auf den Ladentisch legen muß.

Die Besatzung des Motorloggers "Luise Henriette" nach ihrer Rettung am 5. Dezember 1934. Auf der Emder Heringsfischerei "Großer Kurfürst" fotografierte Hans Allina, Emder Hafenfotograf, die gerettete Mannschaft, wobei nur Kapitän Theodor Reck fehlte, der im Büro seinen Bericht schrieb. Obere Reihe von links:Heinrich Fecker, Schiffsjunge, O'fehn; Hein Tapper, Steuermann, Jheringsfehn; Willi Schmidt, Matrose, Leer; Wilhelm und Heinrich Hanneken, Matrosen, W'fehn; Thole Beitelmann, Leichtmatrose, Oldersum; untere Reihe v. lks: Theodor Janssen, Koch, W'fehn; Johannas Meyer, Maschinist, Leer; Hermann Schmidt, Maschinist, Emden; Klauf Giere, Matrose, Leer; Otto Bruns, Matrose, Emden; Bernhard Janssen, Leichtmatrose, Jheringsfehn; Wilhelm Abels, Schiffsjunge, W'fehn; Ernst Meins, Matrose. Leer, und Heinrich Brouwer, Matrose, W'fehn.
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Die Besatzung des Motorloggers "Luise Henriette" nach ihrer Rettung am 5. Dezember 1934. Auf der Emder Heringsfischerei "Großer Kurfürst" fotografierte Hans Allina, Emder Hafenfotograf, die gerettete Mannschaft, wobei nur Kapitän Theodor Reck fehlte, der im Büro seinen Bericht schrieb. Obere Reihe von links:Heinrich Fecker, Schiffsjunge, O'fehn; Hein Tapper, Steuermann, Jheringsfehn; Willi Schmidt, Matrose, Leer; Wilhelm und Heinrich Hanneken, Matrosen, W'fehn; Thole Beitelmann, Leichtmatrose, Oldersum; untere Reihe v. lks: Theodor Janssen, Koch, W'fehn; Johannas Meyer, Maschinist, Leer; Hermann Schmidt, Maschinist, Emden; Klauf Giere, Matrose, Leer; Otto Bruns, Matrose, Emden; Bernhard Janssen, Leichtmatrose, Jheringsfehn; Wilhelm Abels, Schiffsjunge, W'fehn; Ernst Meins, Matrose. Leer, und Heinrich Brouwer, Matrose, W'fehn.

Zur Verfügung gestellt von Wilhelm Hanneken

Schon im Jahr 1597 wurde in Emden eine "Heringsordnung" veröffentlicht. Für den Fischhandel war wichtig, daß möglichst gleichwertige Ware auf den Markt kam. In dieser Ordnung war alles geregelt, vom Heringsfaß bis zur Salzkörnung.

Seit 1969 gibt es keine angelandeten Heringsfässer mehr in Emden. Die Logger der verschiedenen Fanggenossenschaften sind verschrottet.

Leider gibt es über dieses interessante Kapitel der Schiffahrt noch keine Literatur. So müssen wir uns mit einzelnen Geschichten behelfen. Vielleicht wird eines Tages das Emder Heringsarchiv der Naturforschenden Gesellschaft in der Lage sein, die eine oder andere Publikation zu editieren.

Das Rettungsboot "August Nebeltau" der DGzRS ist hier über die Toppen geflaggt, als es in den Hafen von Borkum einfährt. Der Bremer Kaufmann August Nebeltau war von 1875 bis 1888 stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Das nach ihm benannte Rettungsboot wurde 1929 erbaut und ersetzte ab 1932 die "Hindenburg" bis zum Jahr 1937 auf Borkum.
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Das Rettungsboot "August Nebeltau" der DGzRS ist hier über die Toppen geflaggt, als es in den Hafen von Borkum einfährt. Der Bremer Kaufmann August Nebeltau war von 1875 bis 1888 stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Das nach ihm benannte Rettungsboot wurde 1929 erbaut und ersetzte ab 1932 die "Hindenburg" bis zum Jahr 1937 auf Borkum.

Archiv H. Reents

Bei der Bearbeitung eines Textes für die Jubiläumsschrift der Kirchengemeinde Ostrhauderfehn las ich im Kirchenbuch der Verstorbenen auf einer der ersten Seiten: "Gerd Prahm, Schiffer zu West-Canal, 40 Jahre, beerdigt am 17. Oktober 1890; Anmerkung: Der Schiffer Prahm ist bei Amdorf ertrunken." Dann lag da noch ein handgeschriebener Zettel vorn im Buch: "Hinrich Murra ist am 23. Februar 1902 ertrunken; Berend Stumpe, im April 1902 in Bremerhafen gestorben; Lübbertus Roskam, seit Februar 1902 auf einer Reise nach England verschollen. Im Jahre 1903: Rikus Meyer, verschollener Fischdampfer; Harm Beekmann, in New York verstorben; Ubbo Eden, in Bathurst ertrunken; H. Bergmann, in Schweden über Bord gefallen; R. Habben, in Bremerhafen verunglückt.

Im Jahre 1904: Georg Lüken, im April in Emden verunglückt; Focko Ubben, in Hamburg ertrunken; Heyo Johann Duis, verschollen. Im Jahre 1905: Hinrich Haskamp, in Baltimore gestorben; Jan Wulf, verschollen; Jan Prahm und Christian Röben, in Delfzyl verunglückt; Wilhelm Freesemann, in Calcutta gestorben. 1906: Harm Prahm, verunglückt in Geestemünde; Eggo Meyer, durch eine Sturzsee über Bord gerissen und ertrunken; Diedrich Grüssing, bei Cuba über Bord gefallen und ertrunken; Eggo Bernhard Roskamp, bei dem Cap der guten Hoffnung aus dem Mast gefallen.

1907: Jellardus Duis und Heyo Prahm auf der Reise nach England mit Schiff ,Christa' verunglückt; Gerhard Rhauderwiek, auf der Jacht ,Carlotta' verunglückt. 1909: Otto de Buhr, in Hemelingen verunglückt; Johann Junker, bei Langeoog über Bord geschlagen; Johannes Weers, im Emder Außenhafen ertrunken. 1910: Bernd Rieken, mit dem Fischdampfer ,Castor' verunglückt; Jürgen Ulpts, mit dem Leichter ,Gegenwart' verunglückt; Meinert Terfehn in Durban gestorben. 1911: Andreas Hesenius in Hoboken verstorben; Johann Grüssing, zur See verunglückt."

In fast allen Fehntjer Schifferfamilien lassen sich Unglücke und Tragödien nachweisen. Das Meer war rauh, und ab und zu tobte die See mit haushohen Wellen. Wasser hat bekanntlich keine Balken. So war Rettung selten möglich. Die Stürme vor Island waren genauso gefährlich wie die Tornados oder Hurricans im Indischen Ozean oder vor der amerikanischen Küste.

Das Jahr 1934 muß ähnlich mild gewesen sein wie 1989, denn die Emder Heringslogger waren fast alle noch draußen. Kapitän Wilhelm Hanneken, der 1926 auf dem Emder Segellogger "Prinz Ludwig" seine seemännische Ausbildung begonnen hatte, hat als Matrose auf dem Motorlogger "Luise Henriette" ein Schiffsunglück glücklich überstanden. Lassen wir ihn selbst erzählen:

Bericht über die Strandung des Motorloggers "Luise Henriette", Emden, am 4. Dezember 1934: Bei dichtem Nebel, heimkehrend von der letzten Fangreise der Saison 1934, lief das Schiff unter der Führung von Kapitän Reck, Leer, am 4. Dezember 1934 gegen 22 Uhr bei Borkum-Riff auf Grund fest. Da der Wind während der Nacht zunahm, wurde das Schiff von den schweren Brandungsseen hochgehoben und dann wieder auf den harten Riffgrund geschleudert, so daß man meinte, es würde zerbrechen. Das eigene, an Bord befindliche Rettungsboot wurde ausgesetzt, aber es zerschellte innerhalb von einer Viertelstunde an der Bordwand, so daß nur die Fangleine übrigblieb.

Während der Nacht wurden sämtliche an Bord befindlichen Notsignale und Leuchtfeuer abgeschossen und abgebrannt, aber es kam keine Rettung in Sicht. Beim Morgengrauen wurde der letzte mit Gasöl übergossene Strohsack abgebrannt.

Dieses Notsignal wurde von einem Besatzungsmitglied des Rettungsbootes "August Nebeltau" gesichtet, der gerade mit der Inselbahn zum Hafen fuhr. Gegen neun Uhr traf das Rettungsboot am 5. Dezember bei uns ein. Der Rettungsakt war voller Dramatik. Es bestand die große Gefahr, daß die "August Nebeltau" zerschellen würde, wenn sie versuchte, Iängsseits zu kommen. So wurde beschlossen, die 16 Mann starke Besatzung in drei Gruppen einzuteilen. Mit einem Rettungsfloß zogen die Rettungsleute jede der drei Gruppen einzeln durch die hohe Brandung zur "August Nebeltau". Das mutige Manöver gelang, und die gesamte Besatzung des Motorloggers "Luise Henriette" konnte gerettet werden.

Wilhelm Hanneken schließt seinen Bericht mit dem Satz: "Heute noch einmal meinen Dank an den Seenotrettungsdienst!"

Der Fehntjer Kurier hat am 8. September 1988 den Dampflogger "Tony" der Heringsfischerei Leer abgebildet. Da wir kein Bild von der "Luise Henriette" aus Emden bekommen konnten, zeigen wir diesmal den Segellogger "Stadt Leer AE 8" von Capitän Gelmer Schnittjer, Neermoor-Colonie. Dieser farbige Druck aus dem Jahr 1897 stammt aus der lithografischen Anstalt Schwalbe, Emden, von der auch die "AE 88 - Windhund" gedruckt wurde, die im Heimatmuseum hängt. A steht für Aurich, wo alle Schiffe registriert waren, und E für Emden. Die Schiffe von der Heringsfischerei Leer hatten ein "AL" mit Nummer am Bug.
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Der Fehntjer Kurier hat am 8. September 1988 den Dampflogger "Tony" der Heringsfischerei Leer abgebildet. Da wir kein Bild von der "Luise Henriette" aus Emden bekommen konnten, zeigen wir diesmal den Segellogger "Stadt Leer AE 8" von Capitän Gelmer Schnittjer, Neermoor-Colonie. Dieser farbige Druck aus dem Jahr 1897 stammt aus der lithografischen Anstalt Schwalbe, Emden, von der auch die "AE 88 - Windhund" gedruckt wurde, die im Heimatmuseum hängt. A steht für Aurich, wo alle Schiffe registriert waren, und E für Emden. Die Schiffe von der Heringsfischerei Leer hatten ein "AL" mit Nummer am Bug.

Zur Verfügung gestellt von Rentjedina Freese, geb. de Buhr, Holte

 

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